Ein spielerisches Experiment

Experiment

Ein spielerisches Experiment

Zwei Projekte, die begeistern! In ihrem Projekt “Under Construction” beschäftigen sich neun talentierte Jungkünstlerinnen der Universität für angewandte Kunst mit der Frage: “Wer konstruiert ein Bild – der Fotograf oder der Betrachter?”. Am Take Parcours wollen sie Zuschauer aktiv in diese Diskussion miteinbeziehen und sehen ihr Projekt als spielerisches Experiment. Wer beim Projekt “Die Ehrenvollen” die Designs konstruiert, ist eindeutig: der Jungdesigner John Bocanegra gemeinsam mit seinem Label Chirimoya und einer Gruppe kolumbianischer Handwerker. Der Designer selbst stammt aus Kolumbien, holt seine Inspiration aus der Heimat und behandelt in seinen Kleidungsstücken die noch immer allgegenwärtige Problematik der als “minder” bezeichneten Handwerker Lateinamerikas.

 

Under Construction

Experiment(c) Under Construction

Das Projekt “Under Construction”, ist ein partizipatives Fotoprojekt, das in Anlehnung an Susan Sontags Essay “In Platos Cave” fragt, wer ein Bild konstruiert. Der Fotograf oder der Betrachter? Im Interview geben uns die beteiligten Künstlerinnen einen kleinen Einblick in ihr Projekt und erzählen, wie es ist, wenn neun kreative Köpfe zusammenarbeiten.

Das Fotoprojekt “Under Construction” basiert auf Susan Sontag Essay, könnt ihr uns etwas über euer Projekt erzählen?

Der Text von Susan Sontag umreißt sehr schön die Ambivalenzen der Fotografie und des Fotografierens. Da geht es zum Beispiel um die Aneignung der Dinge durch das Fotografieren und einer damit einhergehenden Aneignung von Macht oder um den illusorischen Moment, der ja vor allem in der Modefotografie eine wichtige Rolle spielt. Durch das Offenlegen fotografischer Produktionsbedingungen in Form der Installationen, die wir am Take Festival aufgebaut haben – sozusagen Live-Still-Life-Studio-Situationen – wollen wir der Fotografie ein bisschen die Magie nehmen. Wir sehen das Ganze als spielerisches Experiment, das die Besucher einlädt, an Fragestellungen und Überlegungen, die uns beschäftigen in aktiver Form teilzunehmen – oder sich ganz einfach nur unsere Bilder anzuschauen.

Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Welche Künstlerinnen sind Teil dieses Projektes?

Schon während des Seminars “Under Construction”, das wir als Klassenkolleginnen an der Universität für angewandte Kunst gemeinsam besucht haben, entstand die Idee, den Output bzw. die Inhalte in einen Ausstellungskontext zu transferieren. Das Take Festival hat uns diesen Rahmen geboten und so haben wir die Ausstellungsidee konkretisiert und abseits des Seminars für uns weiter daran gearbeitet. Wir (Susanna Hofer, Alicia Pawelczak, Maria Sizikova, Martina Lajczak, Laura Palmer, Marcella Ruiz Cruz, Marlene Mautner, Daniela Trost, Lisa Edi) studieren derzeit angewandte Fotografie und zeitbasierte Medien an der Universität für angewandte Kunst in unterschiedlichen Semestern. Durch eine ähnlich offene und unvoreingenommene Auffassung in Bezug auf Bildproduktion und der gleichen experimentellen Herangehensweise entstand die Zusammenarbeit beinahe von selbst. Es arbeitet zwar jede für sich, aber wir profitieren von dem Austausch und versuchen, voneinander zu lernen und Konzepte und Ideen zu verknüpfen. Zu neunt zusammenzuarbeiten ist sicher nicht immer einfach, aber vor allem sehr lustig.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit zu neunt?

Wir sind alle Anfang-Mitte-Ende 20 und stecken mitten im Studium. Diese Zeit ist sehr intensiv für uns und meistens, wenn man das Selbe durchlebt, wirkt das irgendwie verbindend. Es hat schon auch was mit unserer Einstellung zu tun: wir glauben einfach mehr daran, uns gegenseitig zu unterstützen, als die Ellbogen auszufahren. Das spiegelt sich in dieser kollaborativen Arbeit, aber auch in ganz praktischen Dingen wieder. Wir assistieren uns gegenseitig und helfen uns bei technischen oder inhaltlichen Sachen ganz einfach weiter. Natürlich gibt es da automatisch Berührungspunkte und Überschneidungen bei unseren Arbeiten, aber wir glauben auch nicht an das originäre Erfindergenie und es ist uns auch einfach zu langweilig, alleine im stillen Kämmerchen zu “hackln”. Außerdem versuchen wir, uns einfach selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Das Projekt am diesjährigen Take Festival trägt den Namen “Under Construction”, wie kam es zu diesem Namen?

Wir haben den Namen unverschämterweise vom Seminar übernommen und im doppeltem Sinn wörtlich genommen.

Wie würdet ihr euer Projekt in kurzen Worten beschreiben?

Frauen und Technik.

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© Lisa Edi, Masha Sizikova

 

Die Ehrenvollen

Das Projekt “Die Ehrenvollen” (spanisch Los Honorados) ist eine Zusammenarbeit zwischen einer Gruppe von Handwerkern aus Kolumbien und dem österreichischen Label Chirimoya. Chirimoya versucht seit seiner Gründung Anfang 2016 mit Handwerkern aus verschiedenen Gegenden Kolumbiens neue zeitgemäße Produkte zu entwickeln. John Bocanegra, Designer des Labels Chirimoya, gibt uns im Interview einen kleinen Vorgeschmack auf die bevorstehende Ausstellung am Take Parcours.

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© Javier Botero

Seit 2016 gibt es das Label Chirimoya, kannst du uns etwas über die Gründung und seine Entstehung erzählen?

Gemeinsam mit einem Investor und einem guten Freund aus London haben wir Ende September 2016 unsere erste kleine T-Shirt Kollektion in Kolumbien präsentiert. Die Idee war zunächst nur T-Shirts zu designen, doch mittlerweile designen und produzieren wir auch Jacken, Hosen und vieles mehr. Der Name des Labels kommt von der Frucht Chirimoya, die wir in Cartagena gegessen haben. Wir waren nicht nur vom Geschmack, sondern auch vom Namen begeistert. Heute arbeiten wir zu dritt. Alle drei mit unterschiedlichen Backgrounds; Österreich, Indien und Kolumbien. Wir drei ergänzen uns sehr gut.

Wie kamst du zur Mode?

Bereits als Kind versuchte ich, aus allem Möglichen Neues zu kreieren und zu designen. In Wien gab es dann eine sehr gute Freundin meiner Mutter, die mein Leben sehr beeinflusste. Sie war es, die mich motivierte, Künstler zu werden. Für meine Eltern kam das absolut nicht in Frage. Ich malte mit Vorliebe Architekturobjekte mit einem Bezug zu Interior Design und Mode, weshalb ich mich zunächst auch für ein Architekturstudium entschied. Doch schon nach dem ersten Semester an der TU Wien wusste ich, dass ich zur Mode wechseln muss. Ausschlaggeben war aber der Tag, an dem ich die Kollektion von Hussein Chalayan sah. Ich inskribierte mich an der Modeschule Michelbeuern, ohne meinen Eltern etwas davon zu sagen.

Dein Projekt am diesjährigen Take Festival trägt den Namen “Die Ehrenvollen”, wie kam es zu diesem Namen? Welche Idee steht dahinter?

Es hat an sich etwas Widersprüchliches, wurde aber natürlich bewusst gewählt. Der Titel stammt aus der Kolonialzeit, als Lateinamerika von den Spaniern besetzt war und bezieht sich auf die damalige Definition verschiedener Berufsgruppen. Auf der einen Seite gab es die Ehrenvollen (honorados), die freien Künste (artes liberales) und auf der anderen Seite standen die Unwürdigen (viles), mechanischen Berufe. Handwerker wurden damals als unwürdig angesehen und ihr Handwerk wird auch noch heute oft als “niedrig” empfunden. Die kolumbianische Regierung sowie Hilfsorganisationen versuchen, den Handwerkern eine ehrwürdige Position in der Gesellschaft zu geben. Leider ist es bis dahin noch ein langer Weg. Mit dem Projekt Los Honorados (Die Ehrenvollen) soll die Wertschätzung dieser Arbeit erhöht werden.

Woher nimmst du deine Inspiration?

Ich weiß nicht genau wieso das Handwerk der Keramik mich so fasziniert. Aber bereits ab dem Zeitpunkt, an dem ich begonnen habe, Mode zu studieren, wusste ich, dass die Formen, Farben, Stile der Keramik meine Identität als Designer definieren werden. Wahrscheinlich weil es so eine beruhigende und universelle Sprache hat. Begonnen habe ich mit den Werken von Giorgio Morandi, ein italienischer Maler und Grafiker, der sehr schöne Fässer, Schalen und Kannen malte. Aus seinen Bildern habe ich dann Jacken für meine Kollektion gemacht. Das Projekt “Die Ehrenvollen” ist inspiriert von der Keramik-Handwerkerkunst der Region la Chamba. Die Region ist ca. drei Stunden von der Hauptstadt Bogotá entfernt und ist weltbekannt für die Art und Weise, wie sie mit dem Rauch von Brennholz schwarze Fässer färben.

Wie würdest du dein Projekt in drei kurzen Worten beschreiben?

Emotional, Stillleben, Menschenliebe

Neben dem Take Festival arbeitest du noch an weiteren Projekten, auf was kann man sich von dir in naher Zukunft noch freuen?

Gemeinsam mit dem Team von Chirimoya arbeiten wir an einem Projekt für ONE YOUNG World 2017.  Es ist aber noch zu früh, um darüber etwas zu verraten. Dieses Jahr findet es in Bogotá statt und wir freuen uns, inmitten von so viele junge Leaders dabei sein zu dürfen.

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© Javier Botero

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© Brick Mortar

Linda Weidinger
lindawe3@gmail.com

Online-journalist.
Studied Media and Communication Science and Cultural Anthropology in Vienna.
Loves fashion, new trends and extraordinary people :)